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Erziehungstricks: Kernseife und Ess-Joker

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KIDS
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Eine Freundin meinte vor einiger Zeit: Du liest keine Ratgeber, oder? Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich eine wohl typisch kindliche Entwicklung in Sachen "Trockenwerden" nicht als solche erkannt hatte, sondern dachte, ich hätte vieleicht doch aus Versehen einmal zu oft geschimpft. Nein, ich lese keine Ratgeber.

Ich höre meistens auf meinen Bauch. Als wir dann neulich mal wieder vor zwei Zahnputzverweigerern standen, dachte ich, vielleicht ist es einfach Zeit für meinen ersten Ratgeber und zwar einen, der damit wirbt, eben diese spielend in den Griff zu bekommen.

Nachdem ich diesen Ratgeber angeblättert hatte, kam mir sofort der Gedanke, ich sollte als nächstes Buch einen Erziehungsratgeber schreiben. Mit so viel nicht anwendbaren Tipps konnte man reich werden? Dann könnte ich ja mit meinen Erziehungsexperimenten auch ein Buch füllen - ob es bei anderen Kindern funktioniert, ist ja offenbar egal.

Hier meine ersten 5 Tricks:

1) Zähneputzen mit Gewalt

Mein Ratgeber sagte: Zahnputzverweigerer würde man mit Singen in Zahnputzliebhaber verwandeln. Schon klar. Hab ich getestet. Ich kann singen. Jetzt nicht so schön, dass jemand mit mir eine Platte aufnehmen würde, aber zumindest habe ich als Kind jahrelang im Chor gesungen, der bei "Wetten, dass..?" auch mal als musikalischer Show-Act mit Placido Domingo aufgetreten ist. Ein gewisses musikalisches Talent habe ich also. Daran kann es also nicht gelegen haben, als sich Hugo so gar nicht für meine Lieder begeistern konnte. Auch nicht, als ich, wie vom Ratgeber geraten, mir meine Liedtexte selber ausdachte. Das lenkte überhaupt nicht ab. Es war alles wie immer. Geschrei, Hand in den Mund stopfen - wo schon was drin ist, passt keine elektrische Zahnbürste mehr rein.

Tja, was will man da schon groß machen? Zähne müssen geputzt werden, führt kein Weg dran vorbei. Hände raus aus dem Mund und diese festhalten, was dazu führt, dass man das gesamte Kind festhalten muss. Was einen wunderbaren Nebeneffekt hat: Es macht den Mund auf (weil es schreit) und man kann putzen. Ich höre schon die entsetzten Mütter, die das hier lesen. Ja, bei euren Kindern hilft vielleicht singen. Bei meinem nicht. Trotzdem möchte ich Karies an Milchzähnen vermeiden. Und Hugo wird jetzt auch nicht ewig der Zahnputzhasser bleiben, wie ich vorgestern festgestellt habe. Er lässt sich seit zwei Tagen wieder freiwillig seine Zähne putzen - ohne Geschrei. Dafür macht Theo jetzt Theater und will plötzlich nicht mehr Putzen. Irgendwas ist ja immer.

2) Kinder waschen, ab ins Schwimmbad

Duschen ist bei uns auch so ein Highlight. Manchmal habe ich Angst, irgendwer könnte die Polizei rufen, weil jemand denkt, ich misshandle meine Kinder, dabei will ich sie nur waschen. Theo ist mit seinen drei Jahren jetzt endlich soweit, dass er freiwillig mitkommt und gerade zu beleidigt ist, wenn ich mal alleine ganz in Ruhe und entspannt duschen möchte. (Naja, so ist das als Mutter, man ist nie alleine) Nur Haare waschen, das ist nach wie vor Drama, baby! Deswegen unser Trick: wir gehen regelmäßig ins Schwimmbad. Wasserplanschen macht Spaß, Haare werden automatisch nass und alles ist halb so wild. Da wird sogar das zwischenzeitige Haarewaschen unter der Schwimmbaddusche vergessen oder der Belohnungskeks war so lecker. (Da kommt dann wieder die Hundebesitzerin in mir durch)

3) Den Mund mit Kernseife auswaschen

Theo hält mir regelmäßig einen sprachlichen Spiegel vor. Denn zwischendurch höre ich aus seinem Mund Dinge, wie blöd oder scheixxx. Ja, das hat er von mir. Till sagt Scheibenkleister. Schon immer. Auch als ich ihn kennenlernte. Der muss sich nicht umgewöhnen, so wie ich. Ich kann mich sehr gut dran erinnern, wie ich als Kind an der Küchenspüle stand, mein Vater neben mir, in der Hand die Kernseife, mit der er nun meine Zunge abwusch. Ich kann mich so genau dran erinnern, weil ich es damals extremst provoziert hatte. Er hatte mich mehrmals vorgewarnt, er würde mir meinen Mund mit Kernseife auswaschen, wenn ich weiter Schimpfwörter sage. Dann habe ich wie eine, die extrem an Tourette leidet, nur noch geflucht. Grenzen testen, gucken, ob er das wirklich durchzieht.

Er behauptet heute noch, er hätte nur so getan als ob. Ich kann mich an den Geschmack der Kernseife noch recht gut erinnern. Gerne würde ich dazu die Kindergartenfreundin meiner Schwester Nathalie W. in den Zeugenstand rufen, ob er nur so getan hat oder nicht - ich meine mich zu erinnern, dass sie damals dabei war. Wobei es eigentlich auch egal ist. Fakt ist, Theo sagt "du blöder" und ähnliche Dinge. Ist also Zeit für Kernseife. Ich werde mal einen Termin bei meinem Vater machen. Vielleicht kann er mir dabei helfen, den Rest der Schimpfwörter von meiner (!) Zunge zu waschen - ist ja schließlich meine Schuld, dass Theo in seinem zarten Alter diese Wörter benutzt.

4) Erpressung und Nicht-Sätze vermeiden

Ich finde, Sprache ist generell ein fantastisches Werkzeug. Man kann mit Sprache sehr viel ausdrücken und Dinge, wenn sie korrekt formuliert werden, viel leichter erreichen. Entsprechend experimentiere ich derzeit herum mit dem spontanen Erfinden von Sätzen, die kein "nicht" enthalten.

Man sagt ja, "nicht" erreicht das Kinder-Hirn gar nicht. Ein "Nicht anfassen" resultiert zwangsläufig damit, dass das Kind genau das jetzt unbedingt anfassen muss. Und schon hat man einen Konflikt, den man mit einem umgekehrten Nicht-Satz hätte vermeiden können. Z.B. wenn Hugo etwas nicht anfassen soll, sage ich "Nur mit den Augen angucken" statt "Nicht anfassen". Ich weiß, dieser Satz ist noch nicht so wirklich ausgereift, vor allem, wenn Theo kontert: "Und mit dem Mund!". Wie gesagt, ich experimentiere und übe noch. Diese Sätze müssen ja, je nach Situation, spontan wie aus der Pistole geschossen kommen, sonst schleicht sich da doch wieder das "nicht" ein. Da bleibt der Sinn und die Qualität vielleicht auf der Strecke. Falls ich hier noch eine ausgereifte Technik entwickeln sollte, werde ich berichten. (Top 100 Nicht-Sätze oder so)

Wo wir gerade bei Sprache sind: Erpressung funktioniert bei unseren Kindern wunderbar. Leider. Ist pädagogisch gesehen überhaupt nicht wertvoll und deswegen versuche ich es mir auch gerade wieder abzugewöhnen. Ich gebe mir sehr viel Mühe und formuliere derzeit keine Erpressungen mehr. Ich formuliere zeitliche Reihenfolgen: "Wer rausgehen will, muss vorher aufräumen!" "Mama, ich geh schonmal vor", kam als Antwort von Theo und schon war er verschwunden, bevor ich mich von der Schlagfertigkeit meines Sohnes erholt hatte. Fernsehen scheint ihm allerdings eine so große Angelegenheit zu sein, dass ich das Aufräumen jetzt davor schiebe. Den Fernseher mach nämlich immer noch ich an und das nur, wenn aufgeräumt wurde.

5) Ess-Joker

Jedes Essen am Tisch endet fast immer im Chaos. Der Ratgeber meint, man sollte einen Tag der Woche als "Esslern-Tag" einführen. Meine Kinder würden das übrigens so interpretieren, dass sie den Rest der Woche rumsauen könnten bis zum geht nicht mehr. Also kommt das für uns überhaupt nicht infrage. Theoretisch gesehen müsste man Hugo füttern, wenn man Geschmiere und Geklecker vermeiden möchte. Aber er soll das ja auch lernen (und das nicht nur an einem Tag der Woche) und ich habe außerdem kein Interesse mehr am Füttern. Er übrigens auch nicht. Will man ihm den Löffel abnehmen, fliegt nur noch mehr durch die Luft. Entsprechend bedeutet das, ich lasse ihn machen. Er bekommt Hinweise von uns und guckt sich Dinge bei seinem großen Bruder ab und dabei schmiert und kleckert er eben. Erster Tipp: Man schaffe sich einen Hund an, der sorgt generell für einen sauberen Fußboden.

Ich bemerke seit neustem übrigens immer eine andächtige Ruhe, wenn es etwas gibt, was wir sonst nie haben. Ich nenne sie Ess-Joker. Salami ist zum Beispiel so einer. Wir sind zwar Vegetarier, aber den Kindern verbiete ich es nicht. Das müssen sie später selber entscheiden. Entsprechend gibt es ab und an Wurst aufs Brot - im Moment eben Salami. Und die sorgt derzeit tatsächlich für Ruhe am Tisch. Salami verschwindet aber vom Einkaufszettel wieder, sobald es nicht mehr funktioniert. Wenn die Kinder aufgegessen haben und anfangen, mit Marmeladengläsern Türme bauen zu wollen, sich das Chaos also in neue Sphären erhebt, möchte ich es beendet wissen. Deswegen zwinge ich sie derzeit noch nicht, sitzen zu bleiben, bis wir alle fertig sind. Das kommt noch früh genug. Deshalb dürfen sie dann aufstehen und draußen oder hinten auf dem Bett spielen.

Bis sie alt genug sind und wir konsequent Tischregeln einführen, habe ich hoffentlich immer einen Ess-Joker im Kühlschrank und ich plädiere weiterhin dafür, draußen zu essen (vielleicht überwintern wir deswegen in Portugal?) Für alles andere haben wir eine Waschmaschine dabei - und Feuchttücher. Und einen Hund. Der übrigens stark an Tourette leidet. Sein häufiges Bellen ist nicht erziehbar. Aber das ist wiederum ein anderes Thema.

Artikel im Original erscheinen auf www.abenteuer-hippie-trail.de

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